Identitätspolitik: eine kritische Analyse aus queer marxistischer Perspektive

Viele Linke sind sich einig: Identitätspolitik verdrängt die soziale Frage und ist integraler Bestandteil eines progressiven Neoliberalismus. In dieser Veranstaltung geht es um eine Einführung in die linke Kritik an Identitätspolitik aus einer queer marxistischen Perspektive. Queer-identitätspolitische Forderungen müssen nicht inkompatibel mit der sozialen Frage sein und können auch Teil einer anti-kapitalistischen Politik sein. Aber dafür muss das Verständnis von queerer Identität in seiner aktuellen ideologischen Form als verdinglicht, kommerzialisiert und individualisiert abgelehnt werden. Ein Blick in das Aufkommen queerer Sexualität seit Ende der 70er Jahre erlaubt eine kritische Bestandsaufnahme von queerer Identitätspolitik heute und eine Zukunftsperspektive für einen queeren Anti-Kapitalismus.


Einführung in die Theorie der Sozialen Reproduktion

Ob in Küche, Kita oder Krankenhaus: die Hauptlast der Hausarbeit und der sozialen Berufe, ob unbezahlt oder (schlecht) bezahlt, wird nach wie vor von nicht männlichen Personen getragen und vermehrt auch von Migrant:innen. Zugleich lastet ein immenser Kostendruck auf diesem Sektor. Die Theorie der Sozialen Reproduktion, erstmals entstanden in den 80ern, versucht dieses Phänomen zu erklären und zeigt auf, welche Widersprüche und Widerstandsperspektiven sich daraus ergeben.


Buchvorstellung: Trans*feministische Perspektiven auf Marxismus

Vielen ist klar, dass liberale Identitätspolitik dem Leben queerer und trans* Menschen nur bedingt helfen kann. Weniger klar ist, wie eine antikapitalistische, kämpferische Alternative aussehen kann. Dass eine solche Alternative allerdings unabdingbar ist, wird in Anbetracht steigender Mieten, zunehmender Armut und dem Erstarken der Rechten immer deutlicher. Der im Frühling 2024 erscheinende Sammelband „Bite Back! Queere Prekarität, Klasse und unteilbare Solidarität“ liefert trans* marxistische Antworten. Mitherausgeberin Lia Becker wird Texte von trans*femininen Autor*innen zu prekärem Leben, Trans*feminismus und Heilung vorstellen, um anschließend gemeinsam in die Diskussion zu kommen.


English: Sex, Power, Oppression, Exploitation: A short history of sexuality under capitalism

Der Marxismus kann einen großen Beitrag zum Verständnis von Sexualität und Sexualpolitik leisten. So liefert eine Analyse kapitalistischer Produktionsverhältnisse einen tiefen Einblick in das Aufkommen und Verstetigen gewisser Sexualitäten und Lebensformen. Und marxistische Kritiken von z.B. Kommerzialisierung und Verdinglichung ermöglichen wiederum eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Sexualpolitiken. Wie genau Sexualität im Kapitalismus aus einer marxistischen Perspektive zu verstehen ist, darum wird es in einer Diskussion mit Paul Reynolds, Soziologe & Editor von Historical Materialism: Research in Critical Marxist Theory gehen.


Paragraph 218 als Klassenparagraph

Als erstes Land der Welt nimmt Frankreich das Recht auf Abtreibung in der Verfassung auf’, so titelten die Schlagzeilen, nachdem die in Versailles versammelten Abgeordneten Anfang März diesen Jahres mit einer überwältigenden Mehrheit mit ‘Ja’ für den Gesetzesentwurf stimmten. Aber handelt es sich dabei tatsächlich um die Weltpremiere, die die meisten Beiträge zu dem Thema verlauten ließen?
Tatsächlich waren Schwangerschaftsabbrüche im sozialistischen Jugoslawien unter gewissen Bedingungen bereits ab 1952 erlaubt. Mehr noch: Im Jahre 1974 wurde die freie Entscheidung über die Geburt von Kindern erstmals als Menschenrecht in der Verfassung verankert.

Auch hierzulande sind Sätze wie “My body, my choice” aus feministischen Bewegungen nicht mehr wegzudenken. Forderungen nach einer Abschaffung des Paragraphen 218 werden lauter.
Vor über 150 Jahren wurde der Paragraph im Rahmen der Gründung des Deutschen Reichs eingeführt. Seitdem steht er so im Strafgesetzbuch im Bereich Mord- und Totschlag. Strafen gingen damals von Gefängnisstrafen bis 10 Jahren Zuchthaus, je nachdem, ob es vorsätzlich war, ob man Helfer:in und Mitwisser:in war und ob die Frau bei dem Eingriff starb.
Dass dieses Gesetz deutlich härtere Auswirkungen auf Schwangere in der Arbeiter:innenklasse hatte, wird schnell deutlich, wenn man auf die Konsequenzen blickt: Wer am Existenzminimum leben muss und sich kein Kind leisten konnte, musste abwägen: teure Verhütungsmittel oder riskante Abtreibungsmittel auf dem Schwarzmarkt? Sozialist*innen kämpften daher seit Beginn an nicht bloß für eine Liberalisierung, sondern für die Abschaffung des Paragraphen 218. Wir wollen in der Veranstaltung nicht nur historisch sondern auch aktuell auf den Paragrafen 218 schauen, auf Proteste und Widerstand dagegen und wie wir uns sexuelle Selbstbestimmung vorstellen!